Kategorien
Interviews

»Man sollte akzeptieren, wenn für manche Frauen andere Lebensziele wichtiger sind.«

Interview mit Frau Prof.in Dr.in Danuta Rytel-Schwarz,
Professorin für Westslawistik an der Universität Leipzig

Frau Kremer: Wie haben Sie Bildungsgerechtigkeit oder -ungerechtigkeit
persönlich erlebt?


Frau Rytel-Schwarz: Eigentlich habe ich überhaupt nicht zu klagen. Ich habe mir keine Gedanken darüber machen müssen. Weder in Polen, noch in Deutschland. Ich bin gebürtige Polin und seit sechzehn Jahren in Leipzig. Die Hälfte meines beruflichen Lebens habe ich in Deutschland
verbracht und die Hälfte in Polen. Mit Bildungsungerechtigkeit habe ich persönlich keine Erfahrungen gemacht. Das ist sicher auch davon abhängig, dass ich in Polen Polonistik und Bohemistik, also polnische und tschechische Sprache, Literatur und Kultur studiert habe und die meisten in diesem Studium Frauen waren. Die Männer waren die Minderheit, warum hätte ich mir also um Bildungsgerechtigkeit meine Gedanken machen sollen? In meinem zweiten Studium, Bohemistik, einem kleinen Studienfach, war nur ein Mann und sonst Frauen. In der Polonistik waren wir über hundert in meinem Jahrgang, aber davon waren auch nicht mehr als zwanzig Prozent Männer. Also ich glaube, Bildungsgerechtigkeit ist davon abhängig, aus welchem Gebiet man stammt, wo man studiert und später gearbeitet hat. Die Geisteswissenschaften sind schon frauendominiert.


K: Wie verhält es sich auf professoraler Ebene?


RS: Das kann ich auch nicht sagen. Ich war gerade im Dekanat und habe genau nachgefragt, wie das bei uns ist, und das ist tatsächlich fifty-fifty.


K: Also in der Slawistik?


RS: Nein, nein. In der Slawistik überwiegen die Professorinnen. Aber in der Philologischen Fakultät sind das ziemlich genau fünfzig Prozent. Wir haben in der Fakultät jetzt 53 Stellen und 25 sind Professorinnen. Vielleicht sieht das bei den anderen Fakultäten anders aus. Aber bei den Sprachen sagt man auch, dass sich Frauen sehr dafür interessieren. Also, so ist es bei uns, und deswegen habe ich hier auch wenig persönliche Erfahrungen mit Bildungsungerechtigkeit. Früher habe ich in Warschau an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet und an meinem Institut waren auch meistens Frauen. Es war kurze Zeit tatsächlich so, dass die Leitungsposition von Männern besetzt war, aber später hat sich das wieder geändert und dann waren nur Frauen am Zug. Aber wie gesagt, kann es auch ganz anders sein, je nachdem, wo und was für ein Gebiet das ist.


K: Insofern hat also diese Erfahrung zu Ihrer jetzigen Position beigetragen?


RS: Das möchte ich so nicht sagen, ich habe mir wirklich darüber keine Gedanken gemacht. Von Anfang an war ich so erzogen, dass ich die gleichen Rechte habe wie Männer. Wir waren eine vollständige Familie, das bedeutet Vater, Mutter, Bruder und ich. Das war also auch fifty-fifty, und es wurden auch keine Unterschiede gemacht. Ich habe mich mit dieser Problematik deswegen, offen gesagt, wenig beschäftigt. Ich habe auch nie Ängste gehabt, dass ich als Frau benachteiligt sein könnte. Das war vielleicht auch von Vorteil.

K: Hätte das Thema Bildungsgerechtigkeit auf eine mögliche Karriere außerhalb der Universität Einfluss gehabt?


RS: Ich habe eigentlich von Anfang an in der Forschung gearbeitet, zuerst an der Akademie. Das bedeutet ziemlich lange nur Forschung, siebzehn oder achtzehn Jahre, und danach habe ich gewechselt. Dann war ich an der Universität Warschau und jetzt bin ich seit sechzehn Jahren in Leipzig. Darüber habe ich mir auch nicht so viele Gedanken gemacht. Karrieremachen war nicht mein Punkt. Interesse an der Sprachwissenschaft, gute Themen in Forschung und Lehre, Engagement und Feedback haben mich zum Dranbleiben motiviert.


K: Für Sie war das also der klare Weg und sie hatten keine Arbeitserfahrungen im außeruniversitären Bereich?


RS: Ja, ich habe schon angefangen, an einem Forschungsprojekt zu arbeiten, als ich Studentin war. In Polen war das so, dass man in der Regel nur ein Fach studiert, aber ich habe zwei studiert, weil ich schon
wusste, dass ich eigentlich Linguistin sein möchte, und habe deshalb mein Studium erweitert. Diese Unilaufbahn hat vielleicht auch meine Familie ein bisschen beeinflusst, mein Großvater war Lehrer, diese Richtung gab es also schon. Vor allem würde ich aber sagen, dass ich es aus Interesse an Wissenschaft und Bildungsarbeit gemacht, und weil mir das alles Spaß gemacht hat. Irgendwann habe ich gesagt: Ja, das möchte ich machen.


K: Finden Sie, dass sich persönliche Präferenzen bezüglich Beruf und Familie an der Uni leichter verknüpfen lassen?


RS: Ich glaube schon, das hat mir geholfen. Ich glaube auch, dass das sehr, sehr individuell ist und jeder die Chancen und Risiken anders erlebt. Schicksal spielte bei mir auch eine Rolle. Ich habe sehr früh eine Familie gegründet, die erste Ehe war aber sehr schnell beendet, ohne Kinder. Das bedeutet, dass ich in der Phase, in der ein junger Mensch, egal ob Frau oder Mann, promovieren sollte, ohne Familie war und genügend Zeit für die Promotion hatte. In diesem Lebensabschnitt konnte ich auch habilitieren. Und erst danach habe ich meinen Sohn bekommen. Mein Sohn war und ist mir sehr wichtig, und die ersten drei Jahre, als er noch ganz klein war, habe ich mir viel Zeit für ihn genommen. Das war möglich, weil ich damals an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet habe. Ich musste also nicht jeden Tag um sechs Uhr aufstehen, um ins Büro zu gehen. Auch meine Eltern haben mich sehr unterstützt. Ich kann mir vorstellen, dass es sonst schwierig gewesen wäre. Aber ich glaube, dass eine Frau oder ein Mann auch mit Kindern eine Universitätslaufbahn schaffen kann. Womöglich nicht gerade leicht mit drei oder vier Kindern, aber mit ein bis zwei dürfte es eigentlich nicht so schwierig sein – Kindergartenplatz natürlich vorausgesetzt.


K: Wie beurteilen Sie die Förderung von Frauen an der Universität Leipzig?

Danuta Rytel-Schwarz in der Oper Leipzig auf dem Augustusplatz


RS: Ich kann das damit vergleichen, wie das in Polen und Tschechien ist, weil ich diese Länder am besten kenne. Ich glaube, dass Frauen eigentlich kaum klagen müssen, aber dass Frauen und Männer insgesamt klagen können. Also die Bedingungen dafür, sich als junger Mensch hier in Deutschland für eine Uni-Laufbahn zu entwickeln, sind nicht einfach, denn die Chancen ein Stipendium zu bekommen, sind sehr begrenzt. Ich glaube, dass nicht die Familie das größte Hindernis ist, zügig zu promovieren oder zu forschen, sondern das Finanzielle. Denn wenn man kein Stipendium erhält, muss man für den Lebensunterhalt arbeiten, und dann fehlt die Zeit für die Forschung, wenn man nicht gerade eine Familie hat, die einen auf diesem Weg unterstützt. Das betrifft Frauen und Männer. Es gibt auch zu wenige Doktorandenplätze. Diese zu bekommen ist nicht einfach, und es kann vorkommen, dass, wenn bei der Zwischenbewertung wenig Leistung erkennbar ist, nicht weiter gefördert werden kann, zumal es auch andere Bewerber gibt, die das Stipendium besser nutzen würden. Ich kenne Fälle, in denen jemand zwei oder drei Jahre ein Stipendium hatte und trotzdem ist nichts entstanden – und das ist natürlich sehr schade.


K: Was halten Sie aufgrund Ihrer Erfahrung vom staatlich geförderten Aufstieg von Frauen?


RS: Ich glaube, es ist schon viel getan. Man macht sich Gedanken in Deutschland und ich würde sagen: Weiter so! Ich finde es schon wichtig, dass man Frauen unterstützt. Dass Kindergärten entstehen, ist sehr wichtig. Ich hatte zum Beispiel mein Humboldt-Stipendium, als mein Sohn sehr klein war. Ich war zweimal mit einer Pause in Deutschland, zuerst, als er ein Jahr alt war, da war er zu Hause. Aber später bin ich ganz alleine mit ihm für ein halbes Jahr nach Deutschland gefahren und Gott sei Dank habe ich einen Kindergartenplatz für ihn bekommen. Ohne diesen Kinderplatz hätte ich nicht nach Deutschland kommen und das Stipendium nutzen können.


K: Und wie stehen Sie zur Frauenquote, also dass Frauen zu einem bestimmten Prozentsatz in höheren Positionen vertreten sein sollen?


RS: (überlegt) Ich bin von meiner eigenen Erfahrung her nicht der Auffassung, dass die Frauenquote das richtige Mittel wäre, die Situation wesentlich zu verbessern. Ich meine auch, dass man nicht davon ausgehen kann, dass jede Frau eine Karriere mit einer höheren Position erzielen möchte. Man sollte akzeptieren, wenn für manche Frauen andere Lebensziele wichtiger sind. Es ist sicherlich noch nicht alles so, wie es ideal sein könnte, wir kennen aber, etwa in Deutschland, Beispiele, dass Frauen es zu sehr hohen Positionen gebracht haben. Dafür braucht man Können, Mut und Willen.


K: Ja, wir möchten ja Ihre Erfahrungen hören. Und noch eine letzte Frage: Was raten Sie Frauen, die im Hochschul- oder Wissenschaftsbereich Karriere machen wollen?


RS: Man muss, zu dem, was ich vorhin schon gesagt habe, natürlich Talent, Motivation, Selbstvertrauen haben, auch Sozialkompetenz und Kollegialität, Ausdauer haben und vor allem wissenschaftlich gute Arbeit leisten. In meinem Fall war es wohl richtig, dass ich mir keine besonderen Gedanken gemacht habe, dass Frausein vielleicht ein Hindernis sein könnte. Natürlich musste ich einige Entscheidungen für mich und andere treffen. Es ist alles gut gelaufen, aber es hätte auch anders sein können. Mit meinem Sohn bin ich alleine nach Deutschland gekommen, er war damals zehn Jahre alt. Er musste die Schule wechseln, er musste die Sprache wechseln, er musste einfach alles mitmachen. Das hatte ich zu bedenken. Er hat mitgemacht. Nach meiner Erfahrung haben Frauen und sie sollten zuversichtlich und wissenschaftlich leistungsorientiert in die Zukunft schauen.


K: Vielen Dank!